27 Februar 2020

Susi Erdmann über Erfolg, Schicksal und die Verwirklichung seiner Träume

Susi Erdmann ist nicht nur 9-fache Weltmeisterin und 5-fache Olympiateilnehmerin im Rodeln und 2er Bob, sondern hat im Laufe ihres Lebens auch einige Schicksalsschläge überwinden müssen. Wir haben sie gefragt was Erfolg bedeutet, wie man seine Träume nicht aus den Augen verliert und sich von Stolpersteinen nicht unterkriegen lässt.

WORK

Wann hast du mit dem Rodeln angefangen?

Bereits im jungen Alter von 8 Jahren. Ich komme ja aus der ehemaligen DDR. In dem damaligen Gesellschaftssystem hat Sport bereits in der Schule eine zentrale Rolle gespielt und wir wurden früh entsprechend gefördert. Zwar habe ich einige Sportarten wie Leichtathletik und Tischtennis ausprobiert, wirklich fasziniert war ich aber als ich das erste Mal auf einem Schlitten in der Naturbahn saß. Die Geschwindigkeit und der Adrenalinkick haben mich sofort gefesselt. Ich wollte unbedingt lernen den Eiskanal zu beherrschen und bin deshalb letztendlich auch beim Rodeln geblieben.

Wie kam es dazu, dass du dann eine Profilaufbahn eingeschlagen hast?

Ich komme aus schwierigen Verhältnissen. Meine Eltern haben sich früh getrennt und der Sport wurde so zu meiner Ersatzfamilie. Nach der Schule bin ich vier Mal die Woche zum Training und habe am Wochenende Wettkämpfe absolviert. Als ich dann im Fernsehen die Olympiade gesehen haben, entstand in mir der Traum dort auch einmal dabei zu sein. Das hat natürlich meinen Ehrgeiz und meine Disziplin ordentlich angetrieben, sodass ich mit elf Jahren auf ein Sportinternat gegangen bin.

Wie schafft man es bei einem derartig langfristigen Ziel am Ball zu bleiben und nicht die Motivation zu verlieren?

Im Leistungssport fängt man ja ganz klein an. Heißt, man beginnt mit der Stadtmeisterschaft worauf die Bezirksmeisterschaft folgt – das baut sich Jahr für Jahr auf. Man fokussiert sich natürlich immer auf die entsprechenden Wettkämpfe, welche jedoch in der Bedeutsamkeit ansteigen. Dadurch fällt es einem leichter dran zu bleiben. Das wichtigste war jedoch, dass ich immer Spaß daran hatte. Das hat mich trotz der Rückschläge weitermachen lassen.

Was war rückblickend die größte Herausforderung?

Als junger Mensch mein Leben zu meistern und meinen Weg eigenständig zu gehen. Das war nicht immer leicht, da mir die Unterstützung gefehlt hat. Gleichzeitig hat mich das aber auch stärker gemacht und ich habe so relativ schnell gelernt aus Fehlern und Niederlagen zu lernen und beim nächsten Mal besser zu machen.

Hat dir das auch geholfen mit dem Druck umzugehen?

Definitiv! Durch die Selbstreflexion habe ich meine Stärken und Schwächen kennen gelernt und wusste natürlich was ich kann, aber auch woran ich arbeiten muss.

Wie hast du diese Selbstreflexion in deinen sportlichen Alltag integriert?

Ich habe ein Trainingstagebuch geführt. Dort natürlich einerseits festgehalten wie die Bedingungen waren, wie meine sportliche Leistung war, aber auch wie ich mich gefühlt habe. Das habe ich anschließend immer mal wieder rückwirkend reflektiert und dementsprechend mich selbst bewusster wahrgenommen und kennen gelernt.

Was war das für ein Gefühl als du deinen Traum vom Olympiasieg realisieren konntest?

Ich war stolz, dass ich den Weg gemeistert habe. Vor allem darauf, dass ich es aus eigener Kraft geschafft habe.

Was geht in einem vor nachdem man seinen großen Traum verwirklicht hat?

Generell fällt man nach jedem Saisonhöhepunkt in ein kleines Loch. Das ist körperlich als auch mental geschuldet. Nach spätestens drei Tagen habe ich dann aber wieder Kraft geschöpft und die nächsten Schritte geplant – so ging es Jahr für Jahr. Die wirkliche Herausforderung kam dann aber natürlich mit dem Karriereende.

Wie erging es dir in der Zeit deines Karriereendes?

Das war natürlich ein großer Einschnitt in mein Leben, schließlich hat der Leistungssport dieses Tag für Tag bestimmt. Ich musste mich anschließend komplett neu ausrichten und von vorne anfangen. Statt drei Tage wie in den vorigen Jahren, habe ich über ein Jahr gebraucht, um mich neu zu orientieren.

Wie hast du das geschafft?

Ich wollte definitiv raus aus dem Leistungssport und dementsprechend auch keine Trainerlaufbahn anstreben. Denn auf das Reisen, das gleiche Umfeld und wieder ständig an der Bahn zu sein hatte ich keine Lust mehr. Ich wollte komplett raus und ein normales Leben führen. Mein Ziel war und ist es immer noch das Leben zu genießen, Freundschaften zu pflegen und neue Dinge zu machen.

Wie ging es also dann beruflich für dich weiter?

Ich war ja Berufssoldatin. Nur leider konnte die Bundeswehr nichts mit mir anfangen als ich gesagt habe, dass eine Trainerlaufbahn für mich nicht in Frage kommt. Ich habe mich anschließend selbst innerhalb der Bundeswehr umgeschaut und mich der Nachwuchsgewinnung gewidmet. Das ich dabei aber neun Stunden am Schreibtisch verbringen muss, war mir nicht bewusst und hat mir mental natürlich zugesetzt. Schließlich war ich es gewohnt bis zu acht Stunden täglich zu trainieren. Als sich dann die Möglichkeit ergab als Sportfeldwebel an der Sanitätsakademie zu arbeiten, griff ich direkt zu. Es ist ein vielseitiger Job: ich kann mein Wissen aus dem Leistungssport weitergeben und mich außerdem organisatorisch ausleben.

LIFE

Konntest du dein Privatleben mit deiner sportlichen Karriere vereinbaren?

Das war natürlich nicht immer leicht. Ich war ständig unterwegs, was für eine Beziehung schwierig ist. Generell habe ich bemerkt – verstehe es aber bis heute nicht – dass Männer oftmals nicht mit dem Erfolg ihrer Partnerin umgehen können. Deshalb ist es schwierig als erfolgreiche Frau den passenden Partner zu finden. Ich habe wohl deshalb auch zwei Scheidungen hinter mir, bin seit 2011 aber in „wilder Ehe“ mit meinem Partner Thomas sehr glücklich.

Du hattest nicht nur sportliche Rückschläge. Dazu kamen auch die Diagnose Hirntumor sowie eine Autoimmunerkrankung, die auch deinen Kinderwunsch verwehrten. Wie bist du damit umgegangen?

Ich wollte eigentlich immer Kinder. In Frage kam das aber erst nach der Karriere, da ich auch Zeit für diese haben wollte. Als meine damalige Ehe dann aber in die Brüche ging und es gesundheitlich auch nicht leicht war meinen Kinderwunsch zu erfüllen, hätte ich medizinisch nachhelfen müssen, was ich aber nicht wollte. Natürlich musste ich mein Leben entsprechend neu ausrichten. Ich hätte weiterhin traurig sein können, aber das bringt einem ja nichts. Das Leben geht schließlich weiter, es ist ständig in Bewegung. So habe Freude in anderen Dingen sowie den Kindern meiner Freunde gefunden.

Was ist dein Schlüssel zu einem erfüllten Leben?

Selbst die Initiative zu ergreifen. Denn das wird keiner für einen tun.

Das sage ich auch ständig meinen Auszubildenden: du musst es selbst am meisten wollen und in Bewegung kommen!

Das hat auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun. Wie schafft man es da dran zu bleiben? 

Bei mir war es definitiv immer so, dass ich den Motor und die Antriebskraft selbst habe. Für einige Menschen ist das sicherlich schwierig. Dann kann ein guter Mentor oder ein Elternhaus, das einen unterstützt, wirklich hilfreich sein.

Was ist deine zukünftige Mission?

Ich habe natürlich meinen Traum erreicht und genieße jetzt mein Leben. Zehn Jahre nach dem Karriereende fange ich jedoch wieder an kleine Ziele zu haben, die ich erreichen möchte. Das bringt mich noch immer vorwärts und lässt mich nicht stillstehen.