27 Februar 2020

Hollie Tyrrell über eigene Schwächen und das Risiko Neues zu wagen

Hollie ist als Global Buying Manager bei Westwing tätig. Den Job bekam sie nachdem sie ihre Schwächen offenbarte und mutig genug war ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Wir sprechen mit ihr über riskante Entscheidungen, neue Anfänge und ihren Schlüssel zum Erfolg.

WORK

Was war dein erster Job?

Mein erster Job war in einem Innenarchitekturbüro, welche bankrott ging. Am Ende kam der Chef nicht mehr zur Arbeit und das war wirklich stressig, weil reihenweise Kunden ins Büro marschierten und uns angebrüllt haben. Danach folgt direkt meine Zeit als Kellnerin. Ich bin eine sehr ungeschickte Person und habe die ganze Zeit Dinge fallen lassen und Tassen kaputt gemacht – also diese beiden Jobs. Nicht für mich.

Was hast du daraus gelernt? Was waren deine größten Erkenntnisse?

Von meinem Job als Kellnerin, dass ich zu ungeschickt bin. Und der andere Job – ich denke, es ist wichtig zu lernen, bis wohin es an einem selbst liegt Probleme zu lösen und wo es jenseits von einem selbst ist, um dann auch dementsprechend die Grenze zu ziehen.

Und es nicht persönlich zu nehmen.

Ja genau. Es ist definitiv eine meiner größten Schwächen, Dinge zu persönlich zu nehmen. Das ist das zweischneidige Schwert bei leidenschaftlichen und ehrgeizigen Menschen, dass sie immer die volle Verantwortung für Dinge übernehmen.

Manchmal muss man aber wissen, wann man einen Schritt zurücktreten sollte.

Du bist jetzt Teamleiterin im Einkauf bei Westwing – wie kam es dazu?

Als ich vor drei Jahren als Junior-Einkäuferin angefangen habe, hatte ich einen wirklich guten Team-Lead, der mich einerseits sehr stark gepusht und mir gleichzeitig Vieles beigebracht hat. Der wohl entscheidende Punkt war, dass ich offen dafür war und viel zusätzliche Verantwortung übernommen habe. Aus diesem Grund konnte ich mich von da an zu einem Käufer und – als die Zeit reif war – zu einem Teamleiter entwickeln.

Wie kam es überhaupt zu der Entscheidung bei Westwing anzufangen, was ja auch ein Umzug nach Deutschland bedeutete?

Zuvor habe ich in einer großen Firma in Irland gearbeitet, die die Innenarchitektur für Gewerbe- und Wohnimmobilien entwickelt hat und  mir sehr gut gefallen hat. Aber ich wusste, dass ich für diesen Job nicht visuell genug bin. Heißt ich erkannte meine eigenen Schwächen, wusste aber auch wo meine Stärken liegen. Aus diesem Grund  hatte ich dann, als ich die (Westwing) Jobbeschreibung las, das Gefühl, über mich selbst zu lesen. Ich dachte mir: Das ist definitiv etwas was ich tun könnte und worin ich gut wäre. Der Umzug nach Deutschland war die eigentliche große Entscheidung, aber dann geschah alles so schnell, dass ich keine Zeit hatte, darüber nachzudenken. Ich weiß nicht, ob du das Lean-In-Book gelesen hast. Jedenfalls musste ich damals daran denken: Einfach machen und schauen was passiert. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass man wieder zurückkehrt und das Beste, was passieren kann ist, nun ja, die jetzige Situation oder?

Es gibt so viel zu gewinnen, wenn man sich nicht vor dem Risiko fürchtet.

Was würdest du anderen Frauen empfehlen, um so eine Veränderung zu wagen?

Für mich war es wichtig nicht jeden Schritt zu planen und sich gedanklich in alles hineinzusteigern. Um eine Entscheidung zu treffen nahm ich das Beste aus den Informationen, die ich damals hatte und entschied, dass dies eine großartige Gelegenheit sei. Generell glaube ich,  sollten wir uns bewusst sein, dass wir großes Glück haben, wenn  uns im jungen Alter noch derart wenige Dinge zurückhalten. Später – vor allem als Frau – möchte man vielleicht Mutter sein und eine Familie gründen und dann ist man natürlich weniger flexibel. Darüber sollte man sich auf jeden Fall bewusst werden, denn es bewegt einen dazu neue Dinge auszuprobieren. Darüber hinaus, gibt es aber doch im Endeffekt meist sehr wenig zu verlieren und viel mehr zu gewinnen.

Deine Muttersprache ist Englisch, wie bist du am Anfang mit Sprachbarrieren umgegangen?

Ich habe Deutsch für drei Jahre in der Schule gelernt, aber um ehrlich zu sein, habe ich es nicht sonderlich geliebt: Du lernst mithilfe von Büchern, sprichst aber kaum. Da ich Dinge aber gene ausprobiere und mich defnitiv als „Macher“ sehe, fiel mir diese Herangehensweise sehr schwer.

Mein erstes Interview für Westwing war auf Englisch, die zweite Hälfte war auf Deutsch. Also habe ich mich für ungefähr eine Woche auf dieses Interview vorbereitet und alles auf fünf, sechs, sieben Seiten niedergeschrieben. Es war letztendlich kein Problem das Interview auf Deutsch zu halten – der plötzliche Wechsel war das einzige Problem. Wenig später, als ich dann bei Westwing angefangen habe, hatte ich ein Treffen mit externen Businesspartnern – auf Deutsch – und ich hatte nicht das Gefühl ich selbst sein zu können, aus Vorsicht davor, falsch zu kommunizieren oder etwas falsch zu interpretieren. Jetzt ist mein Deutsch viel besser, weshalb ich dieses Problem nicht mehr habe.

Was würdest du Leuten empfehlen, die in ein anderes Land ziehen? Ist es gut, vorher einen Sprachkurs zu machen oder die Sprache im Land zu lernen?

Ich habe mit einigen Kollegen gesprochen, die dies getan haben: Man sollte vier Wochen bevor man in dem ausländischen Unternehmen anfängt einen Intensivsprachkurs machen. Das ist einfach ein großes Plus. Es ist schwieriger, wenn man später mit der Arbeit beginnt und noch zusätzlich Stunden um Stunden mit Sprachkursen zubringen muss. Eine Sprache vor dem Ankommen zu lernen gibt einem ein gewisses Maß an Sicherheit und Selbstvertrauen. Das ist vor allem am Anfang wichtig.

Genau. Da man am Anfang meist sowieso unsicher ist, sollte die Sprache also nicht zusätzlich dazu beitragen.

Das stimmt. Darüber hinaus glaube ich, dass wir offen und ehrlich unsere Schwächen kommunizieren sollten.  Zum Beispiel hatte ich, bevor ich bei Westwing anfing, wenig Erfahrung mit Excel – zu wenig, um als Einkäufer erfolgreich tätig zu sein. Aus diesem Grund, stellte ich dies auch in meinem Interview klar. Daraufhin habe ich einen einwöchigen Excel-Kurs absolviert, bevor ich mit der Arbeit begonnen habe. Das war eine gute Entscheidung.

LIFE

Was war bisher die größte Herausforderung in deinem Leben?

Ich wurde mit einer Gaumenspalte geboren. Mein Mund schloss sich nicht vollständig und ich musste als Kind oft operiert werden. Ich weiß von Leuten, dessen Selbstbewusstsein dadurch sehr beeinträchtigt ist. Aber ich hatte Glück und bin mit einer starken Mutter aufgewachsen. Sie hat mir immer gesagt: „Jeder Mensch ist anders, dein Andersein ist nur sichtbarer“.  Als ich jünger war, habe ich dieses Merkmal trotzdem noch als große Herausforderung gesehen. Nun ist es aber ein Teil von mir.

Das hat auch viel mit Selbstvertrauen zu tun.

Ich denke, dass Selbstvertrauen eine so wichtige Sache im Leben ist – egal ob in der Beziehung oder im Job. Am Ende des Tages, bestimmt es wie wir uns vor anderen geben und mit ihnen kommunizieren.

Du wirkst sehr selbstsicher, hast du diesbezüglich Empfehlungen für andere Frauen?

Diese Frage besteht aus zwei Teilen. Erstens: Die Vorbereitung. Es ist der Schlüssel zum Erfolg in jeder Situation – geschäftlich oder privat. Vorbereitung bedeutet Wissen und somit wiederum Selbstsicherheit. Man kennt die Fakten und hat somit in Gesprächen die Oberhand. Ich glaube, dass es vor allem bei geschäftlichen Verhandlungen ein großes Thema für Frauen ist.

Der zweite Teil wäre Selbstwert. Wir Frauen müssen lernen unseren Wert zu erkennen und diesen nicht durch externe Faktoren zu erdrücken. Wir müssen uns nicht entschuldigen und das Gefühl haben, etwas akzeptieren zu müssen, dass unserer Meinung nach nicht so ist, wie es sein sollte. Und ich denke, die entsprechende Vorbereitung, ermöglicht es dorthin zu gelangen.

Was ist der beste Tipp, den du jemals erhalten hast?

Wahrscheinlich, „nobody cares“ (lacht). Mein Vater sagt es immer als auch der CEO von Westwing. Wenn man eine Frist nicht einhalten kann oder irgendeine Aufgabe nicht erfüllen kann, kümmert es niemanden. Es interessiert niemanden, wer den zweiten Platz belegt hat, sozusagen. Man muss klar kommunizieren, wenn man etwas nicht schaffen kann und die Arbeit zu viel wird und sich dann eben Hilfe zur Seite holen. Zwei Dinge, die wir Frauen nicht tun: Sich wirklich zu Wehr setzen und nein sagen, wenn wir etwas nicht tun können- ich kämpfe selber manchmal mit mir und sage: Keine Sorge, ich kann das fertig stellen. Auch ich möchte andere und vor allem mich selbst nicht enttäuschen.

Nein sagen, es fällt mir so schwer einfach „nein“ zu sagen.

Genau. Für mich als Irin ist das besonders ein Problem. In Deutschland ist es etwas üblicher „nein“ zu sagen. Aber Frauen im Allgemeinen – wir müssen lernen, „nein“ zu sagen.

Was würdest du dementsprechend zu deinem Früheren Ich sagen?

An meinen Geburtstagen denke ich jedes Jahran mein 15-jähriges Ich und frage mich, ob sie mit meiner momentanen Situation zufrieden wäre. Und bis jetzt war ich immer glücklich. Wenn ich es nicht wäre, würde ich etwas ändern. Ich denke, ich würde zu ihr sagen: „Gehe das Risiko ein und tue das, was dir Angst macht“. Das ist die eine Sache. Und… folge deinem Instinkt. Man muss öfter seinem inneren Kompass vertrauen und das Richtige für einen selbst tun.

Wir haben viel über Selbstvertrauen gesprochen. Was hingegen bedeutet Selbstliebe für dich?

Ich habe vor kurzem an einem interessanten Training teilgenommen: Man musste sein Selbstbild beschreiben, das Bild, das andere von einem haben, und sein eigenes Wunschbild. Das ist wirklich gut, um herauszufinden, wie man sich selbst wahrnimmt und wie man von anderen wahrgenommen wird. Dabei stellte ich fest, dass was man von sich selbst denkt, denken auch andere über einen. Daher ist es wichtig, an sich selbst zu glauben und mit sich selbst zufrieden zu sein. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich einen Job habe, bei dem ich mich wirklich erfüllt fühle, weil ich denke, dass manche Leute das vielleicht nicht tun.

Nimmst Du Dir manchmal bewusst Zeit für Dich selbst?

Ich nehme mir oft Zeit für mich. Auch wenn ich geschäftlich unterwegs bin, versuche ich, einen oder einen halben Tag für mich zu nehmen – ich war in Hongkong und bin shoppen gegangen. Ich bin ein großer Fan davon, nach einem 21 Stunden langen Arbeitstag, am nächsten Tag um 6 zu Hause zu sein und zu kochen. Ich liebe es zu kochen. Unter der Woche esse ich nicht gerne auswärts, sondern koche lieber selbst.

Hast du auch eine „self-care“ Routine?

Ja auf jeden Fall. Ich mag es zum Beispiel, jeden Sonntag ein Bad zu nehmen, eine koreanische Gesichtsmaske aufzutragen und generell meine Schönheitsbehandlungen zu machen – mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Ich denke, das ist sehr wichtig für die mentale Stärke, die man im Alltag braucht – insbesondere wenn man viel arbeitet.

Außerdem schreibe ich immer zu Beginn des Jahres meine Ziele auf. Nach sechs Monaten reflektiere ich über meine Leistungen – ich habe dies im August getan – und denke über die Richtung nach, in die ich gehen möchte. Dabei helfen Drei-Jahres- oder Fünf-Jahres-Pläne, sie müssen nicht genau sein. Ich denke dabei immer an eine Schifffahrt durch Eisberge. Es ist gut, um Hindernisse, die direkt vor einem liegen, zu navigieren – aber man muss immer an das Endziel denken und trotz dieser Hindernisse nicht die Route verlassen oder aufzugeben.

Eine abschließende Frage: Was ist deine persönliche Mission?

Meine persönliche Mission ist es, glücklich zu sein. Alles mitzunehmen, was das Leben so zu bieten hat. Das bedeutet, etwas zu erreichen, das für mich wichtig ist – ich weiß noch nicht konkret, was das wirklich ist. Ich kann momentan sagen, dass ich in meinem Job und in all meinen Beziehungen wirklich erfüllt bin. Ich reise und sehe viel. Mein Ziel im Leben ist es, dass ich am Ende genauso empfinde, egal wohin es mich auch ziehen sollte.